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Die Damen drängt’s zum Dirndl

Trach­ten­mode liegt augen­schein­lich im Trend – und verspricht daher gute Geschäfte. Das Freiburger Damen­mo­de­haus Kaiser hat gestern die Trach­ten­saison mit einem spezi­ellen Gast eröffnet. Marianne Mack, die Frau von Europa-Park-Chef Roland Mack, stellte ihre eigene Landhaus­­moden-Kolle­k­­tion vor, die künftig bei Kaiser zu haben ist. Auch andere Freiburger Händler stellen fest, dass Dirndl, Leder­hose und Janker nicht mehr verstaubt und schrullig, sondern lässig und trendig sind.
Elf Uhr im Erdge­schoss des Damen­mo­de­hauses Kaiser. Eine dicht gedrängte Traube von rund zwei Dutzend Damen verschie­denen Alters, teils mit perlenden Sektflöten in der Hand, umgibt die Haupt­per­sonen des Vormit­tags: Inhaber Gerhard Kaiser, Geschäfts­füh­rerin Kati Wempe und Marianne Mack. Letztere präsen­tiert ihre Kollek­tion mit Trachten- und Landhaus­mode, die Kaiser künftig vertreiben wird. Die Aufge­regt­heit der erschie­nenen Kundinnen ist fast mit Händen zu greifen. Mit Augen und Händen begut­achten sie intensiv die neuen Stücke, die das Modehaus auf der 120 Quadrat­meter großen Trach­ten­fläche zusam­men­ge­stellt hat: Blusen, Blazer, Jacken und natür­lich Dirndl.
„Der Trachten- und Landhaus­stil kommt in den letzten Jahren auch bei uns immer stärker in Mode – und das, obwohl das noch zur Jahrtau­send­wende kaum jemanden inter­es­siert hat”, sagt Gerhard Kaiser. Vermut­lich durch die wachsende Popula­rität von Volks­festen wie der „Wies’n” in München und des „Wasen” in Stutt­gart, wo tradi­tio­nell Tracht getragen wird, habe die eigent­lich volks­tüm­liche Art, sich zu kleiden, wieder mächtig an Zuspruch gewonnen.

Branchen­ver­band: In Köln ist Dirndl Karneval

Beim Bundes­ver­band des Deutschen Textil­ein­zel­han­dels in Köln weiß man von dieser Verän­de­rung aller­dings nichts. „Statis­tisch wird das bei uns auch gar nicht erfasst – da läuft ein Dirndl eben unter Kleid”, sagt Anja Rößler, die beim Verband für die Statistik zuständig ist. „Und hier bei uns in Köln sehen Sie Dirndl im Grunde nur an Karneval”, fügt sie noch hinzu. Trach­ten­mode sei eine regio­nale und saiso­nale Nische – mehr nicht.
Dem wider­spre­chen aller­dings Erfah­rungen aus dem Einzel­han­dels­alltag in Freiburg. „Wir haben vor drei oder vier Jahren bei uns Trach­ten­mode im Sorti­ment einge­führt”, sagt die zustän­dige Abtei­lungs­lei­terin bei Galeria-Kaufhof am Bertolds­brunnen, die lieber nicht mit Namen in der Zeitung erscheinen will. „Die Nachfrage wächst spürbar jedes Jahr”, berichtet sie. Anfäng­lich hätten vor allem jüngere Frauen die Dirndl nachge­fragt, damals wohl vorwie­gend noch für Besuche auf dem Oktober­fest – sei es das Original in München oder eine der vielen Kopien aller­orten. „Doch inzwi­schen greifen auch reifere Damen verstärkt zum Dirndl”, so die Kaufhof-Mitar­­bei­­terin weiter. Und die Kundinnen würden berichten, dass sie die Teile immer häufiger auch zu anderen Anlässen tragen, etwa zu Geburts­tags­feiern oder zu Hochzeiten, selbst wenn diese keinen Bezug zu Bayern oder zum Alpen­land hätten. Die Dirndl-Preise beginnen bei Galeria-Kaufhof bei rund 100 Euro. „Bei den Herren kann ich zu den Kaufmo­tiven nicht so viel sagen, aber auch der Absatz von Leder­hosen nimmt spürbar zu.”

Seit 2007 mach Marianne Mack Landhausmode

Marianne Mack legt Wert darauf, dass sie weder bayeri­sche noch Schwarz­wälder Trach­ten­mode heraus­bringt, sondern moderne Landhaus­mode, die die vielfäl­tigen Elemente der Trachten aufgreift, aber sie neu arran­giert und inter­pre­tiert. Im Jahr 2007 hat sie mit der Entwick­lung ihrer Kollek­tion begonnen.
Vor vier Jahren ins Trach­ten­me­tier einge­stiegen ist die Freiburger Modede­si­gnerin Kim Schimpfle mit „Schwar­z­­wald-Couture”. Die Preise für ihre modernen Dirndl-Entwürfe beginnen bei 700 bis 1200 Euro. „Auch bei mir wächst die Nachfrage stark. Die Kundinnen kommen inzwi­schen aus ganz Deutsch­land. Und ich sage mal, dass die Mehrheit meine Stücke nicht auf Oktober­festen trägt”, berichtet Kim Schimpfle.
„Das Schöne an der Trach­ten­mode ist, dass sie fast immer gut aussieht – ob alt, ob jung, ob schlank oder kompakt. Bei Frauen mit Rundungen sieht ja ein Dirndl meist sogar beson­ders reizend aus”, schwärmt Kati Wempe. Auf die Frage nach tiefer liegenden Gründen für die Hinwen­dung zum Volks­tüm­li­chen muss sie etwas überlegen, bevor sie dann sagt: „Ich denke, da steckt durchaus auch eine gewisse Sehnsucht nach Heimat und Gemein­schaft dahinter.”

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