„Betriebs­räte gibt’s nicht”

Er ist erst 24, doch das Berufs­leben von Samuel Garrard spiegelt die Globa­li­sie­rung der Weltwirt­schaft auf erstaun­liche Weise im Kleinen wider. Der aus Austra­lien stammende Freiburger war von April an drei Monate lang in Dubai im Einsatz. Der US-Konzern General Electric (GE), wo Garrard tätig war, hatte in Freiburg 115 Stellen abgebaut und davon zehn in das Emirat am persi­schen Golf verla­gert. Um die neuen Kollegen und Nachfolger einzu­lernen, schickte GE Samuel Garrard in die Wüste. Ein Interview.
Holger Schindler: Herr Garrard, wie haben die GE-Kollegen aus Dubai Sie aufge­nommen bei ihrer Einarbeitungsmission?
Samuel Garrard: Naja, in dem Team dort, das künftig unsere Aufgaben ausführt, also die Kunden von GE Health Care in Afrika und Nahost betreut, arbeitet kein einziger Mitar­beiter aus Dubai selbst. Die neuen Kollegen sind aus Simbabwe, Ägypten, Äthio­pien, Indien, Algerien und dem Libanon – alle sind Gastar­beiter. Insofern gab’s für mich als Ausländer keine Probleme im Team. Ich hatte aller­dings viel zu tun, weil ich eben nur drei Monate Zeit hatte, um alles zu übergeben. Ich war ja im Grunde der Einzige dort, der die Aufgaben wirklich kannte.
Schindler: Dubai erlebt derzeit einen Wirtschafts­boom. Wie haben Sie die Atmosphäre dort erlebt, gerade auch unter den Kollegen?
Garrard: Die meisten Fremden leben dort, weil sie viel Geld verdienen wollen, nicht unbedingt, weil sie das Land an sich so toll finden. Aller­dings steigen durch den Boom die Mieten und die anderen Lebens­hal­tungs­kosten stark an. Einige sind darum gezwungen, im Nachbar­emirat Schard­scha zu wohnen und täglich zu pendeln. Sie stecken dann dauernd in Verkehrs­staus. Insge­samt geht wohl für viele der Plan nicht auf, durch den Job in Dubai viel Geld auf die Seite zu bringen. So mancher scheint mir ziemlich enttäuscht.
Schindler: Wird in Dubai anders gearbeitet als in Freiburg?
Garrard: Ich habe den Eindruck, dass man es dort mit der Pünkt­lich­keit nicht so genau nimmt wie hier. Da wird gern noch eine extra Kaffee­pause einge­legt. Aber natür­lich gelten auch dort die GE-Regeln. Betriebs­räte gibt’s dort meines Wissens nicht und, soweit ich weiß, auch keine Gewerk­schaften. Bei vielen Gastar­bei­tern ist es so, dass die Aufent­halts­er­laubnis direkt an ihren Arbeits­ver­trag gekop­pelt ist. Verlieren sie ihren Job, müssen sie auch das Land verlassen.
Schindler: Klingt nicht so angenehm aus Arbeit­neh­mer­sicht. Da sind sie wohl eher gerne wieder zurückgekommen?
Garrard: So eindeutig ist das nicht. Meine bishe­rige Aufgabe bei GE hier ist ja wegge­fallen. GE hatte mir dann angeboten, langfristig nach Dubai zu gehen, aber meine Frau und ich leben lieber hier in Freiburg, also hab’ ich abgelehnt. Den Kurzzeit­ein­satz in Dubai, bei dem GE alle Zusatz­kosten übernommen hat, hab ich aber gerne gemacht, der Erfah­rung wegen. Es war super, die Welt mal aus ganz anderer Perspek­tive zu sehen. Ich hatte sogar Gelegen­heit, das Quali­fi­ka­ti­ons­spiel Irak – Austra­lien für die Fußall-WM in Südafrika zu besuchen. Leider hat Austra­lien 0:1 verloren. Die Zeit in Dubai hätte für mich persön­lich auch noch etwas länger gehen dürfen. Insge­samt sehe ich die Globa­li­sie­rung aller­dings ziemlich kritisch, wenn Jobs und Menschen einfach so hin und her verschoben werden.

Dubai

Dubai (1,4 Millionen Einwohner) ist Teil der Verei­nigten Arabi­schen Emirate, gilt als „Steuer­pa­ra­dies“ und erlebt seit Jahren einen Wirtschafts- und Bauboom. Zu den spekta­ku­lärsten Bauten zählen die künst­li­chen „Palmen-Inseln“ und das segel­för­mige Hotel Burj al Arab.

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