Während die Zahl der Arbeitslosen im Bezirk der Arbeitsagentur Freiburg binnen Jahresfrist um zehn Prozent gesunken ist, ist die Zahl der Arbeitslosen mit einer schwerwiegenden Behinderung dagegen um ein Prozent gestiegen. Trotz umfassender Förderung auf Basis einer Ausgleichsabgabe der Betriebe und gesetzlicher Bestimmungen erschweren Handicaps wie Seh-, Hör- und Mobilitätseinschränkungen die Arbeitssuche deutlich. Doch es gibt auch Beispiele für gelungene Integration.
„Natürlich ist meine Sehbehinderung ein Problem gewesen, als ich nach dem Examen einen Arbeitsplatz gesucht habe“, berichtet Miriam Seifert. Die 34-Jährige sitzt in ihrem Wohnzimmer in der Wiehre und hält ihre 15 Monate alte Tochter Mathilda im Arm. Miriam Seifert hat eine Restsehkraft von fünf Prozent. Seit ihrer Geburt sieht sie nur ganz schemenhaft. Lesen geht nur mit Hilfsmitteln. Personen am Aussehen wiederzuerkennen, ist ihr praktisch nicht möglich.
Allein nach China
Das hat die mutige Frau, die aus Karlsruhe stammt, aber nicht davon abgehalten, das Abitur zu machen (auf einem speziellen Sehbehinderteninternat in Marburg), ein Magisterstudium in Geschichte, Sinologie (Chinawissenschaften) und Politik an den Universitäten Marburg und Freiburg erfolgreich abzuschließen und währenddessen auch noch ein Jahr an einer Hochschule im chinesischen Xiamen zu verbringen. „Ich bin ganz allein geflogen und musste in Peking umsteigen und dazu dort eine Nacht verbringen. Da wollte ich einfach wissen, ob ich das schaffe“, erinnert sich Miriam Seifert. Sie hat es geschafft. So wie sie auch einen Job gefunden hat. „Aber bei jeder Bewerbung denkt man: Was sagt der Arbeitgeber zu meiner Behinderung? Sagt er mir deswegen ab? Oder will er mich nur deswegen einstellen? Das habe ich mich dann auch zuerst bei der Zusage des AOL-Verlags gefragt.“ Bei dem auf Pädagogik spezialisierten Verlag im badischen Lichtenau machte sie ein Volontariat in Redaktion und Lektorat – und bekam danach eine Festanstellung.
„Alles hat sehr gut funktioniert. Am Anfang war allerdings die große Unsicherheit der Kollegen zu spüren. Sie wussten einfach nicht, wie sie mit mir umgehen sollten, und haben mich am Anfang auch irgendwie geschont“, sagt Miriam Seifert. Überhaupt werde einem wegen der Sehbehinderung allzu leicht eine allgemeine Beschränktheit unterstellt. „Oft reden die Leute besonders laut und besonders deutlich mit mir“, erzählt sie. Schließlich sei sie dann aber an ihrem Arbeitsplatz voll akzeptiert gewesen.
Inzwischen hat sie einen Mann, zwei Kinder und lebt in Freiburg. Jetzt würde sie gerne wieder in den Beruf einsteigen. „Mal sehen, wie es wird, als sehbehinderte Mutter einen Teilzeitjob in einem Freiburger Verlag zu finden“, sagt sie. Vermutlich wird sie es schaffen, denkt man.
Der Betriebsleiter hat Gebärdensprache gelernt
Beim Messgerätehersteller Siko in Buchenbach-Unteribental hat man sehr gute Erfahrungen der Integration von Menschen mit Behinderungen gemacht. Inzwischen arbeiten in der Firma mit insgesamt 150 Leuten drei gehörlose Fachkräfte. Seit 1991 ist Markus Seichter (39) dabei. Er hat dort Industriemechaniker gelernt, sich später zum Techniker qualifiziert und ist nun in der Fertigung und der Konstruktion im Einsatz. Der Einstieg in den Betrieb wurde ihm damals durch einen Nachbarn in Kirchzarten erleichtert, der Buchhalter bei Siko war. Mittlerweile sind Gehörlose bei Siko fest etabliert. Seit 1999 ist auch Fillip Kieffer (32) dort als Industriemechaniker im Einsatz. Der gebürtige Emmendinger, der 2008 mit der deutschen Gehörlosen-Fußballnationalmannschaft Weltmeister wurde, hat den Beruf auf einer speziellen Schule in Winnenden erlernt und kam dann zu Siko. Seit einem Jahr ist zudem auch noch der gehörlose Metallbauer Murat Sarimese (32) in der Montage für Siko tätig.
„Die drei sind mittlerweile sehr gut integriert,“ sagt ihr direkter Vorgesetzter Jürgen Steiert. Er und auch Betriebsleiter Lothar Schlachter haben beide angefangen, die Gebärdensprache zu lernen – und haben sich bei speziellen „Kollegenseminaren“ mit der Welt der Gehörlosen auseinandergesetzt. „Für die Einstellung ist bei uns die Qualifikation entscheidend“, sagt Betriebsleiter Schlachter. „Dass wir uns auf die Besonderheiten von Gehörlosen einstellen mussten, ist klar. Aber bringt nicht jeder Mensch seine Besonderheiten mit in die Firma?“
Die Regeln für Arbeitgeber
Alle privaten und öffentlichen Arbeitgeber mit mindestens 20 Arbeitsplätzen sind verpflichtet, wenigstens fünf Prozent davon mit schwerbehinderten Menschen zu besetzen. Für jeden nicht entsprechend besetzten Pflichtplatz ist eine Ausgleichsabgabe von 105 bis 260 Euro pro Monat zu zahlen. Davon werden die Integrationskosten in anderen Betrieben bezahlt – etwa Gebärdenübersetzer oder technische Hilfsmittel.
Telefonaktion
Heute, 16 bis 18 Uhr, beantwortet die Arbeitsagentur Freiburg im Rahmen einer bundesweiten Aktionswoche Fragen von Arbeitnehmern und Arbeitgebern zum Thema Integration: 0761⁄2710515.

